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Brückenbauer mitten im Sturm
Brückenbauer mitten im Sturm
Brückenbauer mitten im Sturm
Passau/Dresden. Julius Pflug hätte allen Grund, den Reformatoren mit ihrer neuen Lehre die Pest an den Hals zu wünschen: Was haben sie ihn nicht alles durchmachen lassen. Erst muss der sächsische Adlige als Domdekan in Meißen die Schändung eines Heiligengrabes erleben. Später ließen sie ihn sein Bischofsamt von Naumburg-Zeitz nicht antreten, trotz der einstimmigen Wahl durch das Domkapitel: Stattdessen setzte Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, eigentlich ein Schutzherr des Bistums, jedoch auch ein Förderer der Reformation, Nikolaus von Amsdorf ein. Martin Luther ordinierte ihn als ersten evangelischen Bischof weltweit. Allerdings machte sich Amsdorf schnell unbeliebt, etwa mit Spottmedaillen aus eingeschmolzenen Kirchenkelchen. Er galt als glückloser Bischof, was auch Luther missfiel.
Überdies hat der offenkundige Bruch von Reich- und Kirchenrecht bei seiner Amtseinsetzung zum Schmalkaldischen Krieg zwischen Kaiser Karl V. und einem Bündnis protestantischer Fürsten und Städte geführt. Als der Kaiser die Gegner 1547 bei Mühlberg niedergerungen hat, flieht Amsdorf nach Gotha, und Julius Pflug kann mit 48 Jahren endlich sein Amt als Bischof und Landesherr von Naumburg-Zeitz antreten – ein Gebiet, wo viele Gläubige aber bereits Luthers Lehre anhängen. Sie bangen dem neuen Bischof entgegen: Will er sich rächen?
„Julius Pflug hat das nicht getan“, betont Holger Kunde, Historiker und Ausstellungsleiter der Schau „Dialog der Konfessionen“ im Schloss Moritzburg in Zeitz, zugleich die ehemalige Residenz der Naumburger Bischöfe. Zwar habe Pflug den Naumburger wie den Zeitzer Dom sofort zum katholischen Ritus zurückgeführt. Doch in anderen Kirchen ließ er lutherische Gottesdienste und Prediger zu. Unter einer Bedingung: Sie durften nur zum Seelenheil sprechen, nicht gegen die Katholiken hetzen. Sonst musste sich der Prediger in einem Verhör erklären, wie Protokolle in der Schau zeigen.
Offen geht Pflug auf die Lutheraner zu. Der Bischof, der Staats- und Kirchenrecht studiert hat, hört sich ihre Argumente an und setzt sich damit auseinander, bevor er klug den katholischen Standpunkt vertritt. Denn: Seit dem Augsburger Reichstag 1530 hat es Pflug als seine Lebensaufgabe begriffen, die Einheit der Kirche zu bewahren. „Gestellt hat sie ihm sein Mentor Erasmus von Rotterdam“, sagt Historiker Kunde, „der große Humanist und überzeugte Katholik.“ Zwischen Pflug und einem zweiten Schüler des Erasmus, dem Reformator Philipp Melanchton, entwickelt sich ein reger Briefwechsel und ein heftiges Ringen um die Heils- und Kirchenlehre im Wettstreit der Worte. 
„Das zentrale, verbindende Element für Pflug war dabei Christus, bei dem alle Gläubigen ihr Heil suchen“, unterstreicht Kunde. „Pflug hat stets nach dem Gemeinsamen im Trennenden gesucht.“ Als Ratgeber und Diplomat am Dresdener Hof, später als von Kaiser Karl V. und der päpstlichen Kurie für die Verhandlungen mit der evangelischen Seite bestimmter Kirchenmann ist Pflug an den kirchenpolitischen Entwicklungen über Jahrzehnte beteiligt und einer der Wortführer bei den Religionsgesprächen zur Einigung im Glaubensstreit. Vor allem der Kaiser traut Pflug zu, dass ihm aufgrund seiner Umsicht und seines Ansehens auf allen Seiten doch noch eine Versöhnung zwischen den Parteien gelingen könnte.
Dafür will auch Pflug Missstände in der Kirche mit Reformen beseitigen, wie die Häufung von Ämtern oder den Kauf von Messen. „Aber auf einem anderen Weg als Luther“, erläutert Kunde. „Für ihn muss ein Konzil sie beschließen und der Kaiser die Reformen reichsrechtlich durchsetzen, nicht die Landesherren.“
Sein Leben lang kämpft Pflug auch für die Kelchkommunion: Zuletzt gewährt ihm ein Dekret Papst Pius IV., den Laienkelch zu reichen. Nicht eingewilligt hat der Papst indes in die Zulassung der Priesterehe, obwohl in Pflugs Bistum kaum noch ein Pfarrer den Zölibat beachtete. In der Ehe, so Pflug, wäre sein Klerus sittlich besser aufgehoben als in einem Liebesleben ohne Segen. 
Zugleich schafft es der Bischof nicht, genügend Nachwuchs für das Priesteramt zu gewinnen. Deshalb setzt Pflug sein Geld dafür ein, begabten Söhnen der Stadt ein Studium zu ermöglichen. Auch kirchenpolitisch entwickeln sich die Dinge nicht wie erhofft: Erst beschleunigt der Augsburger Religionsfrieden 1555 die Zersplitterung von Kirche und Reich mit dem Satz „Cuius regio, eius religio“, wonach der Landesherr über den Glauben in seinem Gebiet entscheidet. Schließlich verfestigt das Konzil von Trient die Konfessionalisierung und damit die Spaltung. Abstand dazu und Ruhe findet Pflug in seiner Studierstube – einer riesigen Privatbibliothek, wo er Bibeln in allen Sprachen aufbewahrt, neben Büchern zu Geometrie, Philosophie oder Bergbau. Gerne hat er Anmerkungen auf die Ränder ihrer Seiten geschrieben.
Julius Pflug bleibt der letzte katholische Bischof von Naumburg-Zeitz: Nach seinem Tod 1564 wird das Bistum aufgelöst, und er danach fast vergessen. Doch 400 Jahre später, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wird ein Herzensanliegen Pflugs, die Kelchkommunion für Laien, in manchen Messen erneut zugelassen, etwa in der Osternacht. 
Im Dom am Schloss, wo der Bischof sein Grab hat, feiern bis heute die Katholiken der Gemeinde Sankt Peter und Paul ihren Gottesdienst und pflegen mit den evangelischen Nachbarn die ökumenische Tradition. Nicht nur dafür hat Vordenker Pflug den Grundstein gelegt – für Dompfarrer Thomas Friedrich ist er auch ein Vorbild für den Umgang miteinander. „Heute habe ich in den sozialen Medien oft den Eindruck, bei vielen Fragen interessieren die Antworten nicht wirklich“, sagt Friedrich. „Da hat es Pflug mit seinem Respekt vor dem Andersdenkenden besser gemacht.“
 
Foto: Uta Jungmann
 


Autor: Uta Jungmann
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