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Vom Glück, am Unglück anderer teilzuhaben
Vom Glück, am Unglück anderer teilzuhaben
Vom Glück, am Unglück anderer teilzuhaben
Kommentar. Manche Dinge scheinen sich nie zu ändern. Selbst nach zweitausend Jahren nicht. Schon am Kreuzweg Jesu standen viele Gaffer. Sie waren berauscht vom Glück, am Unglück eines anderen teilzuhaben. 
Ein Sprung in die Jetztzeit: Das tragische Busunglück in Oberfranken, bei dem Menschen ums Leben gekommen und schwer verletzt worden sind, macht es deutlich: Die Gaffer dieser Welt sind nicht ausgestorben. Im Gegenteil: Es werden mehr und mehr.
Rettungspersonal, Notfallseelsorger, Polizisten und Feuerwehrleute bekommen das tagtäglich mit. Ihre traurige Erfahrung: Der Trend geht zum Gaffen, und damit andere mitgaffen können, wird das Handy gezückt. „Wir sehen auf Facebook schon Bilder vom Unfallort, da sind wir noch gar nicht da“, klagt ein Feuerwehrmann.
Da verbrennen, wie auf einer Autobahn in Oberfranken, 18 Menschen qualvoll im Bus. Man mag sich
das Szenario gar nicht vorstellen. Und doch gibt es Gaffer, die gierig als „Nachrichten“-Gschaftlhuber Rettungskräften den Weg versperren. Sie verlassen ihre Autos und machen Fotos und Videos von dem Unglück. Auf diese Weise erfahren wir Grundlegendes über uns Menschen, über die Abgründe, die sich auftun. Der Kompass verliert in solchen Minuten die Orientierung zur Menschlichkeit.
Zu Hilfe kommt den Gaffern die moderne Technik. Erdacht als Werkzeug, um den Alltag zu vereinfachen, ist sie heute – neben Sinnvollem – vor allem auch ständige Versuchung, eine effektive Zeitvernichtungsmaschine, willkommener Pausenfüller, manchmal auch Suchtmittel, das den Benutzer degradiert, vom Herrn zum Knecht.  Wer will, kann sich zum eigenen Massenmedium hochkatapultieren
– ganz nach dem Motto „Jetzt-bin-ich-auch-einmal-wer“. Schaulust ist nicht neu, doch der Umgang mit Smartphones und sozialen Netzwerken hat das Phänomen verschärft.
Konsequenzen? Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs schreibt vor, dass Aufnahmen hilfloser lebender Menschen nicht erstellt und verbreitet werden dürfen. Und auf jeden Fall strafbar ist unterlassene Hilfeleistung. Unbarmherzigkeit oder Neugierde sind es nicht. Noch nicht. Unlängst beschloss der Bundestag, dass das Internet nicht weiter ein rechtsfreier Raum sein darf. Was als Nächstes kommen muss: ein Gesetz gegen Gaffer.
Wenn Bilder wehrloser Unfallopfer ins Netz gestellt oder die Rettungsarbeiten teils live „gestreamt“ werden, um sich wichtig zu machen, muss das bestraft werden. Und zwar so, dass es weh tut. Beschlagnahme des Handys, saftige Geldbuße, Fahrverbot oder gar Gefängnis – nur so kann Voyeuren das Handwerk gelegt werden.
Menschen gaffen in einer Mischung aus Sensationsgier, Schaden-
freude und der Suche nach einem emotionalen Kick – bei Verkehrsunfällen, Bränden oder Hochwasser. Sie erleben Emotionen aus der sicheren Distanz heraus, ohne selbst betroffen zu sein, fast wie ein Fernsehzuschauer, der sich bei einem Krimi gruselt.
Die Gaffer zur Zeit Jesu erlebten die Kreuzigung als schauriges Schauspiel. Sie standen da und schauten zu – innerlich scheinbar unbeteiligt, aber erfüllt von der Sensationsgier, einen Menschen sterben zu sehen. Vor bald zweitausend Jahren jenseits der Tore Jerusalems war das so, und ist es bis heute geblieben. Das Leid anderer hat eine mächtige, unbändige, ja unheimliche Anziehungskraft. Das wirft kein gutes Licht auf die ach so „zivilisierte“ Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
 


Autor: Werner Friedenberger
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