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Kurvendiskussion
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Kommentar. Der rechte Winkel zieht mich nicht an und auch nicht die gerade, harte inflexible Linie, die der Mensch geschaffen hat. Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve.“ Der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer (1907 – 2012) hat das einmal gesagt. Niemeyer, eines von sechs Kindern aus einer katholischen Familie in Rio de Janeiro, war einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Architektur. Viele seiner Bauten zählen zum Weltkulturerbe. Er wollte mit seinen Gebäuden die Menschen immer überraschen, beschenken und zum Staunen bringen, hieß es in einem Nachruf, als er 2012 hochbetagt starb. Niemeyer sah die Kurve als universelles Grundprinzip. Sie bildete den Kern seiner Architektur.
Auch Straßenbauer waren oftmals Künstler. Sie haben es geschafft, in perfekten Radien Landstriche zu durchqueren. Sie haben Trassen geplant, die sich harmonisch an eine Landschaft schmiegen. Für das Auge erscheint es dann fast so, als hätte die Natur das schwarze Asphaltband schon so vorgesehen. Nicht umsonst sind berühmte Straßen zu Sehnsuchtsorten geworden, die in Liedern besungen werden.  
Moderne Straßen werden anders geplant. Allein die Funktion zählt. Die schnelle, sichere Verbindung zwischen zwei Orten. Die Topographie der Landschaft spielt kaum mehr eine Rolle. Was nicht passt, wird passend gemacht. Mit schwerem Gerät und großem Materialeinsatz wird das Gelände an den Verlauf der Straße angepasst, nicht die Straße an das Gelände. Und die Technik hat ungeahnte Möglichkeiten geschaffen, um eine Landschaft zu modellieren. 
Wir haben eine rasante Entwicklung hinter uns. Die moderne Welt gibt uns in vielen Bereichen die Macht und die Kraft, Dinge voranzutreiben, ohne auf die Umgebung achten zu müssen. Das gilt in der Industrie genauso wie in der Landwirtschaft oder beim Abbau von Bodenschätzen. Aber sind wir Menschen dafür tatsächlich reif genug? Oder geraten wir immer öfter auf einen Irrweg, der uns näher an einen Abgrund führt? Die fortschreitenden Zerstörungen auf unserem Blauen Planeten lassen kaum einen anderen Schluss zu. 
Wollen wir davon wegkommen, müssen wir zuallererst bei uns selber anfangen und ein paar Dinge hiterfragen. Gehen wir nicht selbst oft achtlos durchs Leben? Wann haben wir das letzte Mal wie ein Bulldozer alles aus dem Weg geräumt, was uns im Weg stand, um unser Ziel zu erreichen? Schenken wir unserem Gegenüber immer die nötige Aufmerksamkeit oder nehmen wir uns selbst so wichtig, dass der Andere gar nicht mehr zu uns durchdringt? Verfolgen wir eine „harte, inflexible Linie“, wo vielleicht eine Kurve angebracht wäre? 
Die Sinnlichkeit der Kurve hat Oscar Niemeyer überall gesehen: „Ich finde sie in in den Bergen meines Landes, im Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau.“ Als er einmal gefragt wurde, wie er in Erinnerung bleiben möchte, sagte er, auf seinem Grabstein solle nur ein Satz stehen: „Oscar Niemeyer, Brasilianer, Architekt. Er lebte unter Freunden und glaubte an die Zukunft.“ 
Manche Veränderungen erfordern bestimmt Mut, Zähigkeit und Ausdauer, doch eine Sache scheint mir gar nicht so schwer: Begegnen wir der Gegenwart mit mehr Sinnlichkeit, damit wir eine Zukunft haben.
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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