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Von der Weite des Meeres
Von der Weite des Meeres
Von der Weite des Meeres
Kommentar. Mann muss weise und stark klingen. Unerschütterlich wirken wie ein Fels in der Brandung. Wenn Mann sie in den Arm nimmt, muss sie Kraft und Zuversicht spüren. Ja noch mehr: In dem Augenblick müssen all die Hoffnungen, die Glück- und Segenswünsche, die Mann in all den Tagen zuvor im Kopf gesammelt hat, direkt auf sie überströmen. Dann ist sie gewappnet für alles, was kommen mag. 
Abschied nehmen ist oft schwer. Mannhaft Abschied nehmen von jemandem, dessen erster Schrei den Vorhang in eine neue Welt aufriss, von jemandem, mit dem man lachend über den Rasen purzelte, dessen Tränen man oft trocknete, dessen Fieber man kühlte und dessen Schlaf man bewachte, ist eigentlich unmöglich. 
Unsere älteste Tochter Antonia ist für fünf Wochen in Peru. Die Reise ist gut organisiert. Sie fliegt gemeinsam mit Gleichaltrigen aus ganz Deutschland, beim Umsteigen in Panama wird sie begleitet, in Lima wartet bereits die Gastfamilie. Es gibt keinen Grund, sich zu sorgen. Der Kopf weiß das, doch das Herz kann nicht folgen. Mir geht das alles viel zu schnell. Die Gegenwart rast vorbei. Wie lange soll es her sein, dass ich Antonia in den linken Arm gelegt bekam, ängstlich darauf bedacht, ja nichts verkehrt zu machen? 16 Jahre! Unmöglich. War es nicht erst vorgestern, dass ich bei ihr im Kaufladen eingekauft habe, sie hochhob, damit sie die neugeborenen Zwillinge das erste Mal berühren konnte, mit ihr singend vom Kindergarten heimfuhr.  
„Der fremde Zauber reißt die Jugend fort.“ Von Friedrich Schiller wissen wir, dass das offensichtlich schon länger so ist. Und ich kann mich gut erinnern, dass ich selber ja auch mit wehendem Haar und der Nase im Wind durch die Welt stromerte – nächtelang, tief eingetaucht in Abenteuerromane und Reisereportagen. Im wirklichen Leben hat‘s ziemlich lange gedauert, bis ich das erste Mal auf einen Deich hinaufkletterte und mit pochendem Herz auf ein Wasser blickte, das nicht enden wollte. 
„Wer einen Ankerplatz hat, dessen Schiff läuft auch aus. Kein Hafen ist denkbar ohne die Weite des Meeres“, heißt es in einem Reisesegen von Deng Xiaobin. Und mein Kopf weiß das auch. Es ist ein großes Glück, in einer Welt leben zu dürfen, in der der Jugend so viele Türen, so viele Wege, so viele Möglichkeiten offenstehen.  
Oh ja, die kann das, die braucht uns Eltern immer weniger. Da ist Stolz, gepaart mit Wehmut und auch Sorge. Als die Zeit des Abschied da ist, ist freilich nicht mehr viel übrig von all dem, was ich ihr mitgeben wollte auf die lange Reise. Ich umarme sie lange. Sage ihr schnell, sie möge ganz viel Freude haben, tolle Menschen kennenlernen, alle Sinne offenhalten und wieder heil heimkommen. Noch einmal winken und schnell zurück ins Auto. Mit vielen Gedanken im Kopf und einem Stück Gegenwart, das leicht verschwommen im Rückspiegel zurückbleibt.
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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