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Denk-mal-Tag
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Kommentar. Was machst denn mit dem oidn Glump?“ Bei solchen Fragen bin ich kurz davor, meinem Gegenüber ins Gesicht zu springen! Gefällt wurde dieses „Urteil“ einmal über das Radio meines Vaters, das er sich vom Mund abgespart und 1954 gekauft hatte, um die Rundfunkübertragungen der Fußballweltmeisterschaft aus Bern zu hören. Das Gehäuse aus Nussbaumholz mit goldfarbenen Doppelstreifen, der beige Stoffbezug, das magische grüne Auge: Was für ein Schmuckstück! Und erst der angenehme Klang der Lautsprecher. Selbst wenn ich dafür ein neues Auto bekommen würde: So etwas gebe ich nicht her. Wie muss es da erst Leuten gehen, die in einem alten Haus wohnen, sich dort wohlfühlen und ebenso denken? 
Der bundesweite Tag des offenen Denkmals gibt uns am 10. September wieder die Möglichkeit, Verborgenes und Verschlossenes anzuschauen. Bei dem Motto „Macht und Pracht“ (siehe Seite 28) soll es nicht allein um ein vordergründiges Zeigen von „Reich und Groß“ gehen. Selbstverständlich liegt es nahe, imposante Schlösser, Burgen, mächtige Klöster und Kirchen, Rathäuser, Gerichts- und andere Verwaltungsbauten, große historische Fabrikhallen, Gärten und Parks sowie prächtige Bauernhäuser zu zeigen. Nicht minder interessant sind Fragen, die einem beim „Denk-mal-Tag“ durch den Kopf gehen. Was sagt uns zum Beispiel der religiöse Bild- und Symbolkanon der künstlerischen Ausgestaltung von Kirchen zum Thema? Welche Formen von Gotteslob und Gottesfurcht lassen sich an einem Denkmal zeigen? Und warum? 
Nein, mit verklärter „guter alter Zeit“ hat die Wertschätzung von Denkmälern nichts zu tun. Zumal es die „guade oide Zeit“ eh nicht gegeben hat. Freilich, Menschen lebten früher stärker im Einklang mit der Natur, im Rhythmus des kirchlichen Jahreskreises. Aber der „oidn Zeit“ generell nachtrauern? Lieber nicht! Ein Blick in die Sterbematrikel unserer Pfarreien zeigt, wieviel Kinder damals an Krankheiten gestorben sind, die man heute – gottlob – gar nicht mehr kennt. Oder was soll daran gut gewesen sein, Männer millionenfach für Kriege zu rekrutieren – ohnmächtig den Mächtigen ausgesetzt? Und gut war es auch nicht, wenn Frauen Jahr um Jahr ein Kind bekamen, von der vielen Arbeit in Haus, Hof und auf dem Feld zusammengeschunden waren, oft kein Geld da war, weil der Mann nicht am Wirtshaus vorbeigehen konnte. 
Denkmäler gehören heute zu den bedrohten Arten. Allein in der Wirtschaftswunderphase wurden in Bayern mehr historische Gebäude zerstört als durch Bomben, die alliierte Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg auf Städte warfen. Was auf dem Land verloren ging, wird beim Besuch von Freilichtmuseen deutlich. Der Verlust tut weh. Das Alte hat Seele. Warum kommen denn Touristen aus aller Welt nach Passau? Der Neubauten wegen nicht! Die nämlich sind austauschbar.
Baudenkmäler sind oft die einzigen Wegweiser ins Damals. Schwer hatten sie es schon immer, wie der berühmte Brief des Hochrenaissance-Malers Raffael an Papst Leo X. im Jahr 1520 zeigt. Die Wunden nach dem Abriss von besonderen Gebäuden in Rom verglich er mit dem „Skelett des Körpers ohne das Fleisch“. 
Wer heute ein altes Gebäude bewahrt, ist für mich ein Held des Alltags. Dieser lebt nicht in, sondern mit der Vergangenheit. Sein historisches Fundament trägt ihn durch Gegenwart und Zukunft. Wir dürfen uns freuen, dass es solche Menschen gibt.
Übrigens: Mein Röhrenradio aus dem Jahr 1954 geht noch immer –  eine Anschaffung für die Ewigkeit. Das kann ich von „neuen“ Geräten, die ich mir im Laufe der Jahre gekauft habe, nicht sagen. Sie wurden von Haus aus auf Verschleiß gebaut. Ihren Geist haben sie längst aufgegeben.
 


Autor: Werner Friedenberger
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