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Ohne mich
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Die Grundüberlegung im Frühling war denkbar einfach: Wenn die Hängebrücke in Passau gesperrt wird, kommt es mit Sicherheit zu ewig langen Staus. Nichts nervt Pendler mehr. Das ist sogar noch schlimmer als dauerfröhliche, akkordplappernde Morgenmoderatoren im Radio. Die Lösung: Ich fahre künftig nur die Hälfte meiner Wegstrecke von einfach rund 40 Kilometern mit dem Auto, hole dann das Fahrrad aus dem Kofferraum und fahre damit in die Stadt und abends wieder zurück zum Auto. Nach fünf Monaten hier nun mein kurzer Erfahrungsbericht – mit einem Augenzwinkern, versteht sich (wegen des Fahrtwinds):  
  1. Morgens rauscht einem bei dieser Art der Fortbewegung eine Überdosis Sauerstoff direkt ins Gehirn. Die reicht locker, um einen Arbeitstag mit gut durchlüfteten Gedanken zu bereichern. Hinzu kommen noch ungezählte Eimerchen mit Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, die einen während des Kurbelns und danach durchfluten. Ich hatte es mir so nicht vorgestellt, aber es stimmt, was die Forschung sagt: Das macht glücklich und zieht jeder Art von Stress die Zähne. Nachteil: Man wird zur dauerlächelnden Plage für die Kollegen.
  2. Ganz wichtig: Die Radlbrille nicht vergessen! Denn ohne bringt einen der viele Sauerstoff in den Augen zum Weinen. Und das ist traurig. Weil man dann nämlich nicht mehr sieht, was einem im Käfig eines Autos die ganze Zeit verschlossen geblieben war: mit wieviel Schönheit die Sonne aufgeht, der Fluss glänzt und der Tag zu leben beginnt. 
  3. Man begegnet immer mal wieder Leuten, die auch mit dem Rad zur Arbeit fahren. Das ist fast immer nett. Manche grüßt man mit einem leichten Kopfnicken, manche mit einem Handzeichen. Mit anderen entwickelt sich eine kleine Unterhaltung. Schwierig wird‘s, wenn man in den Windschatten eines kraftstrotzenden Testosteron-Tour-de-France-Hünen gerät und eben diesen Windschatten auf keinen Fall abreißen lassen möchte. Am Ziel fühlt man sich dann wie eine ausgelutschte, bröselnde Wärmflasche mit Gelbfieber. Die in Punkt 1 beschriebenen Wirkungen bleiben dann leider völlig aus. Der Arbeitgeber sieht das vermutlich nicht gern. 
  4. Die Heimfahrt ist nicht ganz ungefährlich. Überall lauern Cafés und Biergärten und flüstern lüstern von der Freude an der frischen Hellen. Erst wenn man Odysseus gleich daran vorbei schwebt, hat man es geschafft: Mit jeder Kurbelumdrehung entschwebt man dem Arbeitstag ein Stück weiter – heimwärts, aufwärts, himmelwärts...
Kurz und knapp: Es war eine großartige Erfahrung. Ich habe mir selbst viel Gutes getan und meiner persönlichen Feinstaub- und Ökobilanz zu einer Menge Bonusmeilen verholfen. Nicht auszudenken, wenn mehr Pendler auf den Geschmack kämen und Verkehrsplaner vielleicht gar noch die nötige Infrastruktur schaffen würden. Wie viele Diskussionen da ganz schnell überflüssig wären... Und am Ende habe ich als erfolgreicher Teilnehmer der Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ sogar noch eine Urkunde von meiner Krankenkasse bekommen.
Aja, der anfangs befürchtete Stau ist übrigens fast immer ausgeblieben. Trotz Brückensperrung lief der Verkehr meist reibungslos und zügig durch die Stadt. Ohne mich.
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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