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„Brasilien hat uns verändert“
„Brasilien hat uns verändert“
„Brasilien hat uns verändert“
Bischof Stefan Oster besucht mit einer kleinen Delegation aus Passau Partnerdiözese
 
Encontrar e conhecer – compreender e aprender“– Begegnen und (Kennen)Lernen, unter diesem Motto machte sich Bischof Dr. Stefan Oster SDB mit einer kleinen Delegation auf den Weg nach Brasilien. Ziel der Reise war, die Partnerdiözese Alagoinhas kennenzulernen, nach Wegen für die zukünftige Gestaltung der Partnerschaft zu suchen, Weltkirche zu erleben. 2019 jährt sich die Partnerschaft der Bistümer Passau und Alagoinhas zum 50. Mal.
Die Gruppe um Bischof Dr. Stefan Oster setzte sich zusammen aus: Christine Krammer (Weltkirche), Peter Oberleitner (Diözesanrat), Andreas Paul (Bischöflicher Sekretär), Martin Prellinger (Priester und Dekan), Silvia Spielbauer (Ministrantenreferat) und mir, Bärbel Benkenstein-Matschiner (Diözesanvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes). Die Reise führte in elf Tagen von Salvador da Bahia in die Partnerdiözese Alagoinhas mit Abstechern nach Acajutiba und Conde und weiter nach São Paulo und Aparecida. 
Elf Tage sind wir in ein Brasilien jenseits von touristischen Hochglanzprospekten eingetaucht. Die Menschen, denen wir begegnet sind, haben uns in ihr Leben mitgenommen, haben sich uns geöffnet und an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lassen mit all den Schwierigkeiten der politischen Situation Brasiliens, den gravierenden Kontrasten von arm und reich. Nie haben wir Resignation oder Verbitterung gespürt. Wir trafen auf Frauen und Männer voller Hoffnung, Vertrauen und lebendigem Glauben. Möglich wurden die persönlichen Einblicke nur, weil wir in Georg Pettinger einen hervorragenden Organisator und Reisebegleiter hatten. Der Passauer Diözesanpriester war fünf Jahre Pfarrer in der Diözese Alagoinhas und ist heute von der Deutschen Bischofskonferenz in die Pfarrei deutschsprachiger Katholiken St. Bonifatius in São Paulo entsandt.
Überall spürten wir Herzlichkeit, echtes Interesse und Freude über unseren Besuch. Wir fühlten uns bei Kardinal Odilo Scherer in São Paulo wohl; speisten bei der arbeitslosen, alleinerziehenden Donna Isabela in Conde zu Mittag wie in einer Großfamilie; spürten beim Pfarressen in der deutschen Gemeinde St. Bonifatius in São Paulo den Lebensgeschichten der deutschen Einwanderer nach; saßen in der Stadtgemeinde St. Magdalena in São Paulo beim Grillfest zusammen; probierten Kuchen und Bier aus eigener Herstellung im Kloster São Bento in  São Paulo. Immer wieder versicherte Bischof Dr. Stefan Oster den Menschen: „Wir können viel von euch lernen. Ihr habt ein wunderbares Land“.
Das Kennenlernen der Partnerdiözese Alagoinhas ist eingebettet in den Besuch von Salvador da Bahia und der Megalopole São Paulo. „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“, hören wir immer wieder, wenn wir uns wundern, wieviel Zeit uns geschenkt wird. Manchmal sind wir richtig beschämt über die Aufmerksamkeit, die uns zuteil wird und die wenige Zeit, die wir uns im straffen Programm für viele interessante Projekte nehmen können. 
Salvador da Bahia erkunden wir an zwei Tagen mit der Deutschen Conni Gregor. Sie hat selbst viele soziale Projekte geleitet, immer wieder erzählt sie davon und verknüpft damit die sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Probleme Brasiliens.  
Ein beeindruckendes Projekt eines belgischen Priesters lernen wir im Hafenbezirk von Salvador kennen. Die Kirche „Da Santissima Trinidade“ dient Obdachlosen als Zuflucht, als Schlafplatz und Anker. Obdachlose Frauen und Männer sammeln Müll und gestalten Neues und verkaufen diese Dinge. Auf dem Gelände über dem Hafen entstehen kleine Häuser mit Wohnungen für diejenigen, die den Ausstieg vom Leben auf der Straße geschafft haben. Reichtum und Armut leben in Salvador da Bahia in direkter Nachbarschaft. 
Nicht weniger fasziniert das Lebenswerk von Irma Dulce. Sie wird als Mutter Teresa Brasiliens verehrt. Im Hühnerstall ihres Klosters begann die kleine energische Nonne mit der Betreuung von Kranken und hat nach und nach ein Kinderheim und Krankenhaus für Obdachlose gegründet. 1992 starb sie, 2011 wurde sie selig gesprochen. Immer wieder begegnet uns ihr Bild während der Reise.
Voller Spannung machen wir uns nach zwei Tagen Salvador auf den Weg nach Alagoinhas. Schnell wechselt das Bild von einer Stadt mit unzähligen Hochhäusern zu einer üppigen Landschaft, in der Rinder weiden, Eselskarren als Transportmittel dienen, die Autos plötzlich nicht mehr so neu aussehen, die Straßen mehr Schlaglöcher haben und immer wieder entdecken wir Häuser mit der Aufschrift „jesus meu senhor“ (Jesus – mein Herr). Und dann wartet bei der Ankunft in Alagoinhas eine Überraschung. Norbert Penzkofer ist gebürtiger Passauer, lebt seit 47 Jahren in Brasilien und bekleidet das Amt des Generalvikars in der Diözese Palmeras. Er hat neun Stunden Fahrt auf sich genommen, um seinen Heimatbischof Dr. Stefan Oster zu treffen. 
Die Freude ist groß, die Umarmungen sind herzlich, als Rosmarie Obermaier-Santos während der Hl. Messe in der Kapelle von Bischof Dom Paulo zu uns stößt. Sie stammt aus dem Bistum Passau und lebt mit ihrem Mann Francisco Santos seit Jahren in Acajutiba. Sie ist derzeit die einzige vor Ort Lebende aus der Diözese Passau. Bei ihr ist unter anderem das Projekt des Katholischen Deutschen Frauenbundes „pingi pongi“ angesiedelt.
In Alagoinhas begegnen wir dem Wirken der Passauer Missionare auf Schritt und Tritt. Die Schwestern vom guten Hirten leben im ehemaligen Pfarrhaus, das die Passauer Brasilienteams errichtet haben. Die fröhliche Gemeinschaft der Schwestern widmet sich als kontemplativer Orden dem Gebet vor allem für alle Ausgegrenzten, immer auch für das Passauer Bistum. Beim Gottesdienst in der Kathedrale von Alagoinhas fragt Dom Paulo, wer Kasimir Spielmann, Josef Göppinger, Georg Duschl, Gerd Brandstetter, Robert Rödig oder das Ehepaar Thalhammer gekannt hat. Die Hände vieler Besucher schnellen in die Höhe, die Gesichter strahlen, Applaus brandet auf. Sehr bewegend ist der Augenblick, als Bischof Dr. Stefan Oster Kelch und Patene von Kasimir Spielmann an die Gemeinde von Alagoinhas überreicht. Kasimir Spielmann, der im letzten Jahr verstorben ist, kommt symbolisch noch einmal an den Ort zurück, wo er jahrelang als Seelsorger und Missionar gewirkt hat. Sein letzter Wille hat sich erfüllt. Bei diesem Gottesdienst trifft Bischof Dr. Stefan Oster auch auf den Altbischof von Alagoinhas Dom Jaime. Der 92-Jährige versichert: „Ich danke Gott für das Wirken der Passauer Priester und Missionare in meiner Diözese. Sie waren wahre Erbauer und der Samen, den sie gesät haben, trägt reiche Frucht.“
Spannung und Neugierde begleiten den bayerisch-brasilianischen Begegnungsabend im Diözesanzentrum von Alagoinhas. Das Kennenlernen von Familien- und Männerpastoral soll im Mittelpunkt des Abends stehen. Die vorgetragenen Infos vermitteln uns leider kein lebendiges Bild der pastoralen Arbeit. Wir hätten uns mehr Nähe, mehr eigenes Entdecken gewünscht. 
Die Diözese Passau unterstützt die Partnerdiözese finanziell, aktuell unter anderem für den Neubau der Kurie im Diözesanzentrum in Alagoinhas und das Priesterseminar in Salvador da Bahia. Ein Teil der Kurie war eingestürzt, ein Neubau musste errichtet werden. Bis zur letzten Minute wurde gewerkelt, damit die Segnung in unserem Beisein stattfinden konnte. Gemeinsam mit Dom Paulo enthüllt Bischof Dr. Stefan Oster eine Erinnerungstafel am Eingang zur Kurie. Am späten Nachmittag reisen wir im VW Bus nach Acajutiba zu Rosmarie Obermaier-Santos weiter.
Rosmarie zeigt, wie im vom Frauenbund unterstützten Projekt „pingi pongi“ Frauen mit psycho-sozialen Problemen Papier schöpfen. Mit Rosmarie und Francisco reflektieren wir das bisher Erlebte, versuchen das Widersprüchliche einzuordnen, überlegen, welche Formen für die Partnerschaft mit Alagoinhas gefunden werden können. 
Im Marienheiligtum Nossa Senhora do Monte-Conde brandet bei der Messfeier wieder das brasilianische Temperament auf. Klatschen und Winken begleiten die Gebete und Gesänge. Mädchen mit rot geschminkten Lippen, Buben in Flip Flops ministrieren. Nach dem Gottesdienst schießen die Kirchenbesucher Selfies am Altar. Frauen und Männer der Laiengremien kamen extra aus den Landgemeinden, um mit Bischof Dr. Stefan Oster zu sprechen. Er will verstehen, wie Basisgemeinden funktionieren. Ganz klar können wir diese Gemeinden aber noch immer nicht umfassen. Wir bräuchten mehr Zeit, um Gemeindearbeit zu erleben.
Und dann heißt es Abschied nehmen von der Diözese Alagoinhas. Wir fliegen weiter nach São Paulo. Hier ist alles größer, höher, weiter – eine Stadt der Superlative. 22 Millionen Menschen leben auf rund 900 Quadratkilometern. Die Armut hat hier ein anderes Gesicht. Rund um die Kathedrale der Erzdiözese São Paulo müssen wir aufpassen, nicht über die Obdachlosen zu stolpern. Die wenigen Grünflächen sind von Obdachlosen besiedelt. Kardinal Odilo Scherer erklärt, dass es sich hauptsächlich um Drogen- und Alkoholabhängige handelt – Männer wie Frauen. In der Erzdiözese gibt es ein eigenes Bischofsvikariat für das „Volk auf der Straße“. Inmitten der Stadt gibt es mit St. Bonifatius eine Pfarrei für deutschsprachige Katholiken. Pfarrer Georg Pettinger steht der Liturgie vor, geleitet wird die Pfarrei von einem Verein. Hier engagieren sich auch eine Hand voll Frauen, sie nennen sich Frauenkreis, organisieren Weihnachts-, Secondhandbasare, um mit den eingenommenen Geldern eine Kindertagesstätte in einer Favela am Stadtrand von São Paulo zu finanzieren. 
Stille ist in São Paulo Luxus. Menschen sitzen in der Kathedrale, beten, manche schlafen. „Sie genießen die Ruhe vor dem Herrn“, meint Bischof Dr. Stefan Oster. Umgeben von futuristischen Wolkenkratzern bildet die erhabene Klosterkirche São Bento einen krassen Kontrast zur gehetzten Megametropole. Sie ist nicht nur ein beeindruckender Sakralbau, sondern auch eine Oase der Hingabe und Zuflucht zu Gott.  
Einer der anstrengendsten, aber auch ein Tag zum Staunen sind die Fahrt von São Paulo ins etwa 200 km entfernte Aparecida und der Besuch von „Canção Nova – ein neues Lied“, einer Gemeinschaft, die Neuevangelisierung macht. Mit 8 Millionen Pilgern ist Aparecida der bedeutendste Wallfahrtsort Brasiliens. Heuer wird das 300-jährige Jubiläum der Wallfahrt gefeiert. In Aparecida wird das leidende Gesicht Brasiliens sichtbar. Viele Gläubige vertrauen ihre Not der Gottesmutter an. Aus einer kleinen Kapelle wurden immer größere Kirchen gebaut, um die Pilgerströme aufnehmen zu können. Heute gibt es Tage, an denen mehrere Hunderttausend Pilger kommen. Inzwischen steht hier die zweitgrößte Kirche der Welt. Gemeinsam feiern wir mit Bischof Dom Paulo, Pfr. Georg Pettinger, Pfr. Martin Prellinger, Bischof Dr. Stefan Oster und Kardinal Odilo Scherer die letzte Hl. Messe  unserer gemeinsamen Reise in einer Kapelle, die hinter dem Gnadenbild erbaut wurde.
„Canção Nova“ ist für die Passauer Gruppe eine der letzten Stationen auf der Brasilienreise. Die Gemeinschaft hat einen Fernsehsender, eine Radiostation und ist auch in den neuen Medien unterwegs. Die Internetseite bringt es auf bis zu zwei Millionen Zugriffe im Monat. „Die frohe Botschaft kommt durch Euch zu den Menschen nach Hause“, lobt Kardinal Odilo Scherer die Arbeit der katholischen Journalisten. Die Medien sind aber nur eine Aufgabe, daneben gibt es einen Kindergarten und Schulen mit insgesamt 1200 Kindern, Obdachlose werden versorgt, Jugendtreffen organisiert und selbstverständlich wird gemeinsam Gottesdienst gefeiert. Dazu gibt es die Kirche „Vater der Barmherzigkeit“ und eine Arena, in der 50.000 Menschen Platz finden. Vor 40 Jahren wurde die Gemeinschaft von einem Salesianer-Pater, Father Jonas Abib, gegründet. Bis heute trägt er die Arbeit der weltweit wachsenden Gemeinschaft mit.
„Brasilien wird euch verändern“, gaben uns Josef und Marlies Thalhammer und Pfarrer Josef Göppinger bei den beiden Treffen zur Vorbereitung auf die Brasilienreise mit auf den Weg. Brasilien hat uns verändert. Es wurde deutlich, dass eine Partnerschaft von Menschen lebt, die sich kennen, verstehen und vertrauen. Es gilt jetzt Möglichkeiten auszuloten, wie die Zukunft der Partnerschaft mit Alagoinhas gestaltet werden kann.
Bischof Oster in einem ersten Resümee der Reise: „Die vielen Begegnungen verändern auch uns selber und machen den Horizont auf. Es freut mich, dass die Passauer Missionare Spuren gelegt und hinterlassen haben, sie sind präsent in den Herzen der Gläubigen“.
 
Foto: privat
 


Autor: Bärbel Benkenstein-Matschiner
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