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Holzscheitl im Schulranzen
Holzscheitl im Schulranzen
Holzscheitl im Schulranzen
Kommentar. Uns Deutschen wird, zurückhaltend ausgedrückt, eine gewisse Regulierungswut nachgesagt. So hat die Kinderkommission des Deutschen Bundestages einmal eine sogenannte „Körper-Gewichts-Ranzen-Gewichtsstaffel“ ausgeklügelt. In normales Deutsch übersetzt ist mit diesem Wortungetüm nichts anderes gemeint als: Welches Gewicht sollte der Schulranzen haben? Dazu braucht es nicht Sankt Bürokratius, nur gesunden Menschenverstand, denn: Ein Kind ist kein Fahrstuhl, zugelassen für nach diversen Richtlinien definierte maximale Lasten. Und vielleicht hilft es, das Kind selbst zu fragen... Wenn ich die jährliche Debatte „Wie ich meinen Schulranzen richtig packe“ verfolge, fällt mir jedes Mal ein, was unsereiner während der Kinderzeit im Herbst in der Schultasche hatte – Holzscheitl und Kastanien. 
Der gräfliche Förster im Dorf hat uns für einen Sack Kastanien fürstlich entlohnt. Wir Buben konnten es kaum erwarten, bis die für Rehe und uns gleichermaßen wichtigen Früchte zu Boden fielen. Und deshalb haben wir etwas nachgeholfen.  So wurden zwei Holzscheitl in den Schulranzen gepackt, um sie nach dem Unterricht hoch in die Baumkronen zu werfen. Die Rechnung ging meistens auf. Kastanien fielen zu Boden – und wurden flugs in die stabile, lederne Schultasche gesteckt. 
Wie ging das, Platz für kiloweise Kastanien? Wir durften alle Bücher und Hefte, die wir daheim nicht für die Hausaufgabe brauchten, unter der Schulbank lassen. Möglich war das, weil wir den ganzen Vormittag über am gleichen Platz waren und nicht für die eine oder andere Unterrichtsstunde umziehen mussten.
Nach dem Schlussgong also begann das große Rennen. Jeder wollte der erste sein, um die heruntergefallenen Kastanien aufzusammeln. Der Weg zu den Bäumen beim Kirchenwirt führte durch den Friedhof. Um es sich mit dem Geistlichen Rat nicht zu verscherzen, war es klug, die Laufgeschwindigkeit zwischen den Grabreihen etwas zu reduzieren. Ansonsten wäre man wohl in der nächsten Religionsstunde – oder beim Ministrieren – zur „Audienz“ gebeten worden.
Die am Boden liegenden Kastanien waren schnell aufgeklaubt. Jetzt kamen die Holzscheitl zum Einsatz. Und das alte Sprichwort: Selten ein Schaden, wo nicht auch ein Nutzen dabei ist. Das freilich sah die Wirtin anders. Denn, wie es der Teufel haben wollte, verfing sich das Holzscheitl manchmal nicht im Blätterwald, sondern fand den direkten Weg ins Schlafzimmer der Wirtsleute. Leider waren die Fenster jedes Mal geschlossen. Und so musste Jahr für Jahr der Glaser geholt werden. 
War das Malheur passiert, gab es kein Weglaufen. Das hätte eh keinen Zweck gehabt. Durch den Schepperer ist die halbe Straße aufgescheucht worden. Zu meinem Glück hatten die Lena, die Wirtin, und mein Vater ein großes Herz. Kam der nach dem „Unfall“ ins Wirtshaus, brauchte die Lena nur zu sagen: „Du, Xaverl, da Bua war da. Und an Glaser ham ma a wieder braucht!“ 
Die Sache wurde unbürokratisch erledigt. „Schreib‘s aufe!“, sagte mein
Vater zur Wirtin – nahm die Halbe in die eine, während er ihr mit der anderen Hand das Bierfilzl hinschob. Und so fanden sich auf dem Bierdeckel halt auch ein paar Mark für den Glaser.
Die väterliche Ermahnung, „Schau halt besser auf!“, habe ich spätestens zur nächsten Saison vergessen.
Schon lange im Erwachsenenalter, wurde es mit der Lena und meinem Vater zünftig, wenn wir zur Kastanienzeit über die Holzscheitl im Schulranzen, die nicht selten im Schlafzimmer landeten, gesprochen haben. Beide, die Lena und mein Vater, liegen bereits auf dem Friedhof. Und der letzte Kastanienbaum, mittlerweile auch in die Jahre gekommen, schaut zu ihnen hinüber.
 
 
 


Autor: Werner Friedenberger
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