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Vom Tanz auf den Wolken
Vom Tanz auf den Wolken
Vom Tanz auf den Wolken
Kommentar. Kommunikation geht heute ganz leicht. Familien organisieren ihren Alltag über WhatsApp. Vereine, Schulen und Firmen informieren über alle Neuigkeiten in einem E-Mail-Newsletter. Über die sozialen Netzwerke kann man allen, die es wissen wollen, in bunten Bildern mitteilen, was das eigene Leben gerade schön und beneidenswert macht. Das ist prima. Und der Unterhaltungswert ist nicht zu verachten. Aber was wird aus der Liebe?
Ich meine die romantische Liebe. Die Liebe mit den Schmetterlingsflügeln. Dieses großartige Purzelbaumgefühl, das einen lächelnd gegen Straßenlaternen laufen lässt. Ich meine den Tanz auf den Wolken, bei dem der Verstand ins hinterste Kellerverlies des Gehirns gesperrt wird. Und weil‘s an dieser Stelle ja um Kommunikation geht: Ich rede von einer der wichtigsten Ausdrucksformen für dieses Gefühl, dem Liebesbrief. 
Meine 16-jährige Tochter hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Jugendliche heute kaum mehr Liebesbriefe schreiben. Und weil sie keine Erfahrung damit haben, wissen sie noch nicht einmal, was ihnen da verloren geht. Allein schon das Schreiben selber, das Anfangen ohne Ziel, all die Träume, die über die Hand mehr oder weniger gekonnt, aber immer aus tiefstem Herzen aufs Papier fließen. Die Hoffnungen, wenn der Brief sich auf den Weg gemacht hat, das bange, sehnsuchtsvolle Warten auf die Antwort. Und schließlich das Öffnen und Lesen selbst, das einen erstarren lässt oder in den siebten Himmel katapultiert. 
Vermutlich ist es ein untrügliches Zeichen, dass ich alt werde: Aber ich trauere dieser Kulturtechnik nach. Ich betrachte das als Verlust. Und wenn man noch so viele Herzerl sendet, kein elektronischer Kurznachrichtendienst kann das ersetzen. Das geht nicht auf Twitter oder WhatsApp. Herzensbotschaften zerbröseln und erstarren in der digitalen Welt. Sie brauchen den Schwung einer Hand über einem Bogen Papier.  
Und ob die Liebe hält oder irgendwann erkaltet, die Botschaft bleibt. Fein säuberlich verschnürt, abgelegt in einer Pappschachtel der Erinnerung. Und weil das so ist, sind auch die folgenden Zeilen erhalten geblieben, einer der schönsten Liebesbriefe überhaupt. Musik-Legende Johnny Cash hat ihn geschrieben, natürlich mit der Hand, zum 65. Geburstag seiner Frau June, mit der er zu dem Zeitpunkt 35 Jahre verheiratet war: „Wir werden alt und gewöhnen uns aneinander. Wir denken gleich. Wir können die Gedanken des anderen lesen. Wir wissen, was er möchte, ohne zu fragen. Manchmal gehen wir uns auf die Nerven. Manchmal sehen wir den anderen als selbstverständlich an. Doch hin und wieder, so wie heute, denke ich daran, wie glücklich ich mich schätzen kann, mein Leben mit der tollsten Frau verbringen zu dürfen, die ich jemals getroffen habe. Du faszinierst und inspirierst mich immer noch. Du änderst mich zum Besseren. Du bist das Objekt meiner Begierde und der wichtigste Grund, warum ich lebe. Ich liebe dich so sehr!“
Und jetzt sage einer, er könne sich das als WhatsApp vorstellen...
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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