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Liebe – einfach göttlich!
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Das Hohelied der Liebe ist Thema des Ökumenischen Bibelsonntags am 28. Januar

In der Hoch-Zeit des Winters sind Vogelstimmen rar, und auch von Liebe meint man erst wieder singen zu können, wenn im Frühling die Natur aufblüht. Der rauen Jahreszeit zum Trotz haben die Verantwortlichen für den Ökumenischen Bibelsonntag als Text das alttestamentliche Hohelied gewählt und laden ein, die Beziehung zwischen Gott und Menschen in den Blick zu nehmen, in den üppigen Bildern des Alten Orients, der keinen Winter zu kennen scheint. Eine Kennerin des Hohenliedes ist als Referentin eines Studientages aus Jerusalem angereist, wo sie in langen Jahren über dieses Buch geforscht hat: Nina Heereman, derzeit Gastprofessorin am Biblicum in Rom. Die Passauer Bibelreferentin Dr. Andrea Pichlmeier hat sie eingeladen, ihre Gedanken zum Hohenlied mit den Leserinnen und Lesern des Passauer Bistumsblatts zu teilen. 

Das Hohelied besingt eine Liebesgeschichte, die man je nach Perspektive verschieden lesen kann. Zunächst hat man es mit den erotischen Bildern menschlichen Begehrens zu tun, doch stünde die Geschichte nicht in der Bibel, wenn man in ihr nicht noch andere Bedeutungen erkennen könnte und immer schon erkannt hat. So steht die Braut im Alten Testament für das Gottesvolk, und die Kirche erkennt in ihr sich selbst bzw. Maria als Bild für das menschliche Gegenüber Gottes, schließlich jede einzelne menschliche Seele, die durch die Taufe Christus angehört.
Und der Geliebte? Er trägt messianische Züge. Man kann in ihm König Salomo entdecken, den Davidssohn, den die biblische Tradition als Erbauer des Tempels und als Friedenskönig ehrt, während die Kirche in ihm ein Vorausbild Christi erkennt, den sie in der Ersten Lesung der Heiligen Nacht mit Jesaja ihrerseits als Friedensfürsten besingt. Er ist der Erbauer und Bräutigam seiner Kirche, mit der er sich in seiner Hingabe am Kreuz vermählt, und der er sich in der Eucharistie leiblich zu eigen gibt. In der menschlichen Liebe wird die göttliche Liebe anschaubar. Besonders deutlich wird dies an einer zentralen Stelle des Textes, wo die Braut als „verschlossener Garten“ und „Quelle lebendigen Wasser“ beschrieben wird, die ihren Bräutigam einlädt, in seinen Garten zu kommen und von den Früchten des Gartens zu essen (Hld 4,12-5,1). Auf der Ebene der menschlichen Liebe erlebt der Geliebte seine Braut wörtlich wie ein Paradies von Granatäpfeln und exotischen Düften. Es ist, als hätte er in der Liebe der Braut das Paradies wiedergefunden, das der Mensch durch die Ursünde verloren hat. Ihre Liebe erquickt alle seine Sinne und stillt seinen Lebensdurst. Zugleich wird der Garten in Bildern beschrieben, die Anspielungen auf das Gelobte Land sind. „Milch und Honig“ (Hld 4,11) und auch die „köstlichen Früchte“ (Hld 4,13) sind andernorts im Alten Testament Gaben des Verheißenen Landes. Im Hohenlied wird diese Verheißung verbunden mit der Erfahrung menschlicher Liebe und wird damit zu einem Vorgeschmack auf den Himmel als die vollkommene Erfüllung aller menschlichen Sehnsüchte in der leiblichen Vereinigung mit Gott.
Zugleich ist die paradiesische Gartenbraut, aus der lebendiges Wasser fließt, ein im frühen Judentum geläufiges Symbol für den Jerusalemer Tempel. In der Vorstellung Israels war der Tempel der Ort der liebenden Vereinigung Gottes mit seinem Volk, der Ort, an dem Psalm 132,8 zufolge Gott im Herzen seines Volkes ruht wie ein Bräutigam am Herzen seiner Braut. Nach der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier wird Gottes Wohnen in Salomos Tempel zu einem Vorausbild der Heilserwartungen Israels. Sein Kommen am Ende der Zeiten würde Israel wieder in einen Paradiesgarten verwandeln.
Mit dem Kommen Christi wird dieses Bild ungeahnte Wirklichkeit. Er, der Bräutigam, kommt in seinen verschlossenen Garten, in seinen Tempel, den Schoß der jungfräulichen Braut und Mutter Maria, Urbild der Kirche. Im Pfingstereignis schenkt sich der göttliche Liebhaber der ganzen Kirche: Im Heiligen Geist nimmt er Wohnung in den Herzen aller, die durch die Taufe zu Christus gehören. Seine Liebe lässt in ihnen Quellen lebendigen Wassers entspringen. Und heute – und jeden Sonntag – lädt er sie ein: „Esst, Freunde, trinkt, berauscht euch an der Liebe!“ (Hld 5,1), hingegeben für euch im Brot und Wein der Eucharistie, dem Hochzeitsmahl des Lammes. 
 
Hoheslied
4,12 – 5,1
Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Born, ein versiegelter Quell. / An deinen Wasserrinnen – ein Granatapfelhain mit köstlichen Früchten, Hennadolden samt Nardenblüten, / Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, alle Weihrauchbäume, Myrrhe und Aloe, allerbester Balsam. / Die Quelle des Gartens bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers, das vom Libanon fließt. / Nordwind, erwache! Südwind, herbei! Durchweht meinen Garten, lasst strömen die Balsamdüfte! Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse von seinen köstlichen Früchten! / Siehe, schön bist du, meine Freundin, siehe, du bist schön. Hinter dem Schleier deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, die herabzieht von Gileads Bergen.
 
Foto: Krinninger
 
 


Autor: Dr. Nina Heereman
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