Das glauben wir

Neue Kraft schöpfen

Redaktion am 24.03.2025

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Nicht nur das Klima ist in der Krise

Vie­le Men­schen hat­ten sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kraft­voll für den Erhalt einer auch künf­tig bewohn­ba­ren Erde enga­giert. Sie führ­ten auf­rüt­teln­de Aktio­nen durch und kon­fron­tier­ten die Gesell­schaft mit den wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen unse­rer Zeit. Auch Papst Fran­zis­kus hat sich mit sei­ner Enzy­kli­ka Lau­da­to sì ein­deu­tig für den Schutz der Schöp­fung posi­tio­niert. Doch bei vie­len sind die psy­chi­schen Kräf­te zum Wei­ter­kämp­fen erschöpft. Gera­de die, die am lei­den­schaft­lichs­ten gekämpft hat­ten, sind am stärks­ten von Resi­gna­ti­on bedroht. Sie kon­sta­tie­ren, dass die Mensch­heits­fa­mi­lie ver­sagt habe oder dass es unmög­lich sei, inner­halb des Sys­tems grund­le­gen­de Fort­schrit­te im Kli­ma­schutz zu erwirken.

Natür­lich haben wir die Bil­der noch vor Augen, als sich die Dele­gier­ten der Kli­ma­kon­fe­renz in Paris 2015 unter Trä­nen umarm­ten wegen der Eini­gung auf die gemein­sa­men künf­ti­gen Zie­le und Maß­nah­men zum Kli­ma­schutz. Auch bei den fol­gen­den Kli­ma­schutz­kon­fe­ren­zen gab es eini­ge schö­ne Beschlüs­se, die Hoff­nung weck­ten. Und den­noch kam die Umset­zung in der Gesell­schaft nicht rich­tig in Fahrt. Und vie­le Mäch­ti­ge der Erde suchen das Heil mehr denn je in unge­zü­gel­tem Wirtschaftswachstum.

Was könn­te uns allen wei­ter­hel­fen, denen der Kli­ma­schutz wich­tig ist? Um an der eige­nen Ohn­macht psy­chisch nicht zu zer­bre­chen, braucht es neue Wege, mit der emo­tio­na­len Belas­tung der Kli­ma­schutz­ar­beit umzu­ge­hen. Es braucht eine Trans­for­ma­ti­on der inne­ren Hal­tung. Neben unse­rer christ­li­chen Moti­va­ti­on, uns für den Erhalt der Umwelt ein­zu­set­zen, könn­ten wir auch von Vik­tor Frankl viel ler­nen. Der berühm­te Neu­ro­lo­ge und Psych­ia­ter aus Wien hat­te bereits sein Aus­rei­se­ti­cket nach Ame­ri­ka in der Tasche. Er sah vor­aus, was den Juden in Euro­pa droh­te. Am Abend vor dem Abflug war er noch mit sei­nem Vater zusam­men, sei­ne Eltern hat­ten nicht die Kraft zum Aus­rei­sen. Das zeig­te sich trotz aller instän­di­gen Beschwö­run­gen. Die Depor­ta­ti­on stand unmit­tel­bar bevor. An jenem Abend fiel der Blick Vik­tor Fran­kls zufäl­lig auf die Bibel­stel­le Du sollst Vater und Mut­ter ehren…“. In die­sem Moment wuss­te er: Ich will und muss bei ihnen bleiben.

Am nächs­ten Mor­gen wur­de Vik­tor Frankl mit sei­nen Eltern depor­tiert. Die Eltern wur­den bei der Ankunft in Ausch­witz sofort selek­tiert und ver­gast. Er über­leb­te – ohne zu zerbrechen.

Er konn­te sei­ne Eltern nicht vor dem Tod bewah­ren, doch er fand Sinn und Kraft in dem Ent­schluss, aus Lie­be bei ihnen zu blei­ben. Jah­re­lang hat­te er zu der Fra­ge geforscht, wie der Mensch psy­chisch und soma­tisch gesund leben kann. Gera­de in Wid­rig­kei­ten und Leid wird ja die Kraft zum Wei­ter­le­ben und Wei­ter­kämp­fen bedroht. Fin­det jedoch ein Mensch zum Sinn in sei­nem Leben, kann er auch dür­re, schwe­re, erfolg­lo­se Zei­ten durchstehen.

Frankl hat­te sei­ne Auf­zeich­nun­gen im Man­tel ein­ge­näht bei sich. Als sie ihm ent­ris­sen wur­den, hat­te er sie nur noch im Kopf. Zen­tra­le Erkennt­nis­se, die er nach dem Krieg ver­öf­fent­lich­te, lau­ten: Sinn ist mehr als Erfolg. Fin­det ein Mensch dahin, sich für eine gute Sache oder einen Men­schen oder einen Wert hin­zu­ge­ben, dann ist er ver­bun­den mit kraft­vol­ler Lebens­en­er­gie von innen, die ihn führt. Es gehe nicht in ers­ter Linie dar­um, auf die­sem Weg sel­ber glück­lich zu wer­den. Gesche­he dies, sei dies ein Neben­pro­dukt. Vik­tor Frankl hat über­lebt und als Arzt und The­ra­peut lebens­lang Men­schen auf der Suche nach dem Sinn begleitet.

Für Kli­ma­ak­ti­vis­ten könn­te das bedeuten:

  • Ver­tie­fe, was du über dich sel­ber weißt. Rei­ni­ge dei­ne Moti­ve von Wut, Erfolgs­druck, Macht­lust, Bes­ser­wis­se­rei, Ver­ach­tung und wecke in dir die Lie­be zu dir, zu allem Leben, zur Erde und den Menschen.
  • Die emo­tio­na­le Belas­tung aus erleb­ter Erfolg­lo­sig­keit ist leich­ter erträg­lich, wenn du für dich geklärt hast, dass dei­ne Arbeit für das Kli­ma trotz­dem sinn­voll ist.
  • Suche Ver­bin­dung zu Men­schen, die offen­sicht­lich froh und mit Kraft dem Kli­ma die­nen und sich dar­in nicht vom Erfolg abhän­gig machen.
  • Sucht gemein­sam, den (ste­cken geblie­be­nen) Kar­ren der Kli­ma­schutz­be­we­gung an einen Stern“ zu bin­den (nach Leo­nar­do da Vin­ci). Das heißt: Lasst euch spi­ri­tu­ell anregen.
  • Das Haupt­ge­bot der Lie­be des Chris­ten­tums braucht eine ver­tief­te Aus­le­gung. Mar­tin Buber über­setz­te es so: Lie­be dei­nen Nächs­ten, er ist wie du. Unter Ein­be­zie­hung der Erkennt­nis­se der Neu­ro­bio­lo­gie und der Teil­chen­phy­sik könn­te man heu­te das Haupt­ge­bot der Lie­be viel­leicht so über­set­zen: Lie­be dei­nen Nächs­ten – Er ist du! Wir sind eins – auch mit Gott!

In die­sem Bewusst­sein fin­den wir ver­mut­lich leich­ter zu neu­er Kraft für den Kli­ma- und Umwelt­schutz, der poli­ti­sche und tech­ni­sche Lösungs­an­sät­ze über­steigt, einer glo­ba­len soia­len und öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­ti­on dient und – in Erfolg und Miss­erfolg – von guter Kraft getra­gen bleibt.

Text: Micha­el Kon­rad Reis

(Unser Autor ist Reli­gi­ons­päd­ago­ge, Super­vi­sor, Coach und Wald­füh­rer im Natio­nal­park Baye­ri­scher Wald)

Buchtipp

2025 03 24 pb alb cover ja zum leben

Vik­tor E. Frankl:

… trotz­dem Ja zum Leben sagen

Mit 35 Jah­ren kam der öster­rei­chi­sche Psych­ia­ter Vik­tor E. Frankl in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. In den Jah­ren der Gefan­gen­schaft lern­te er, wie Men­schen mit unvor­stell­ba­rem Leid umge­hen und wie es selbst an Orten größ­ter Unmensch­lich­keit mög­lich ist, einen Sinn im Leben zu sehen. Nach der Befrei­ung ver­fass­te er in nur neun Tagen die­sen bewe­gen­den Erfah­rungs­be­richt über sei­ne Erleb­nis­se in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern The­re­si­en­stadt, Ausch­witz und Türk­heim. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten wur­de das Buch zum Klas­si­ker der Über­le­bens­li­te­ra­tur. In über fünf­zig Spra­chen über­setzt, bie­tet es eine fas­zi­nie­ren­de und auch heu­te noch tief bewe­gen­de Erkun­dung der mensch­li­chen Willenskraft.

Kösel, 11 Euro, 192 Seiten

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